Im Grunde geht mich ja diese ganze Bundespräsidentenwahl nichts an. Als Piefke darf ich sowieso nicht wählen, also wird der neue auch nicht "mein" Präsident sein. Auch unterliege ich, anders als viele meiner österreichischen Mitmenschen, nicht dem psychologischen Zwang, mich für all den Schlendrian im Zusammenhang mit der Wahl schämen zu müssen: erst die Aufhebung der Stichwahl aufgrund von Regelwidrigkeiten bei der Auszählung, jetzt die schadhaften Kuverts, die nicht zuverlässig kleben und daher eine Verschiebung der Wahl nötig machen ...
Dass der österreichische Staat sich derart schwer tut, eine hieb- und stichfeste Wahl durchzuführen, scheint vielen seiner Bürger mittlerweile peinlicher zu sein als die Alternative, zwischen einem altlinken und einem neurechten Präsidenten wählen zu müssen. Andererseits wäre es vielen wohl nicht unlieb, wenn diese Wahl bis auf den St. Nimmerleinstag verschoben würde.
Mir als Deutschem könnte das alles, wie gesagt, wurscht sein. Theoretisch. Auch wenn ich mich als Zugereister weder mit der Wahl noch mit dem Gewählten - so es ihn denn eines Tages gibt - identifizieren muss, so muss ich doch mit beidem leben und es erdulden. Denn hier steht mein Haus, meine Frau, meine Kinder sind Bürger dieses Staates, und seine Gesetze gelten auch für mich. Wobei die Gesetze, dank der Europäischen Union, in den allermeisten Bereichen keinen Unterschied mehr machen zwischen Österreichern und anderen EU-Bürgern - sieht man einmal vom Wahlrecht und der Wehrpflicht ab.
Das dürfte sich freilich ändern, sollten sich nationalistische Tendenzen, die ja nicht zuletzt der eine der beiden Präsidentschaftskandidaten verkörpert, durchsetzen. Dann dürfte auch die Gesetzgebung in Zukunft wieder stärker zwischen Österreichern und Nicht-Österreichern unterscheiden. Entsprechende Vorstöße gibt es bereits, im Straf- und Sozialrecht etwa.
Insofern geht mich das ganze doch etwas an. Ich habe zwar selbst nicht die Wahl, aber die Qual.
Montag, 12. September 2016
Dienstag, 23. August 2016
Das ist der Teutoburger Wald, den Tacitus beschrieben
Gestern sind wir von zuhause zurückgekehrt. Einmal im Jahr muss es einfach sein, dann verlangt es mich nach Heimaturlaub am Teutoburger Wald, wo ich das Licht der Welt erblickte, die ersten zwanzig Lebens- und später noch ein paar Studienjahre verbrachte und wo ich auch meine österreichische Frau kennengelernt habe. Das Besondere an diesen Reisen: sowohl der Hin- als auch der Rückweg ist eine Heimkehr.
Es gab eine Zeit, sie ist noch nicht allzu lange her, da habe ich mich in der alten Heimat geradezu fremd gefühlt. Die Vertrautheit der Orte, der Sprache und der Gesichter kontrastierte mit der Erkenntnis, nicht mehr dazuzugehören. Ich war ein Besucher, ein geschätzter wohl, aber eben jemand, der nur selten da ist und bald wieder gehen wird. Jemand, der seinen Alltag anderswo bestreitet. Und wenn es mir auch stets leichtfällt, den teutonischen Tonfall der deutschen Sprache wieder anzunehmen, so fielen meine Kinder umso mehr durch die österreichische Kadenz ihrer Sätze auf. Umgekehrt empfand ich nach solchen Reisen die Ankunft in unser Weinviertler Dorf eindeutig eine freudige Rückkehr an den Ort, wo mein Haus steht.
Es gab eine Zeit, sie ist noch nicht allzu lange her, da habe ich mich in der alten Heimat geradezu fremd gefühlt. Die Vertrautheit der Orte, der Sprache und der Gesichter kontrastierte mit der Erkenntnis, nicht mehr dazuzugehören. Ich war ein Besucher, ein geschätzter wohl, aber eben jemand, der nur selten da ist und bald wieder gehen wird. Jemand, der seinen Alltag anderswo bestreitet. Und wenn es mir auch stets leichtfällt, den teutonischen Tonfall der deutschen Sprache wieder anzunehmen, so fielen meine Kinder umso mehr durch die österreichische Kadenz ihrer Sätze auf. Umgekehrt empfand ich nach solchen Reisen die Ankunft in unser Weinviertler Dorf eindeutig eine freudige Rückkehr an den Ort, wo mein Haus steht.
Diesmal jedoch habe ich mich am Teuto auffallend heimischer gefühlt als in den Jahren zuvor, und das lag wohl nicht am obligaten Besuch im "Heimat Tierpark" Olderdissen. Rührte es daher, dass nun, mit Mitte vierzig, die entwicklungspsychologischen Motive, aus denen ich seinerzeit mein Herkunftsmilieu verlassen musste, nicht mehr wirken? Lag es an der zunehmenden Altersweitsichtigkeit des Gedächtnisses, dass die Kindheit und die Orte, an denen ich sie verbracht habe, mir von Jahr zu Jahr in milderem Licht erscheinen? Oder macht die Krisenstimmung, die im vergangenen Herbst über uns gekommen ist, auch mich anfällig für den heimlichen Wunsch nach Rückkehr in die vermeintlich heile Welt der Kindheit?
Mag alles sein. Vor allem aber hatten wir auf diesem Heimaturlaub eine besonders schöne Zeit mit den Menschen, mit denen wir von klein auf verwandt- und freundschaftlich verbunden sind: Daheim sein, das heißt in guter Gesellschaft sein.
Mag alles sein. Vor allem aber hatten wir auf diesem Heimaturlaub eine besonders schöne Zeit mit den Menschen, mit denen wir von klein auf verwandt- und freundschaftlich verbunden sind: Daheim sein, das heißt in guter Gesellschaft sein.
Dienstag, 9. August 2016
Fritter and waste the hours in an offhand way ...
Wir sind über den Berg. Am Sonntag ist die fünfte Sommerferienwoche zuende gegangen. Mit der angefangenen sind es jetzt nur noch vier Wochen, bis die Schule wieder anfängt. Neun Wochen Sommerferien können ganz schön lang werden, wenn man nicht zufällig Lehrer von Beruf ist. Die Kinder schalten um auf wohlverdientes Lotterleben, für einen selbst geht die Arbeit wie gewohnt weiter, ja, sie wird sogar mehr, denn spätestens nach einer Woche bricht über den unausgelasteten Nachwuchs unweigerlich die Fadesse herein. Die jungen Herrschaften wollen bespaßt werden!
Also gut, machen wir einen Ausflug auf die Rax. - O nein, bloß nicht Wandern!
Sollen wir ins Freibad gehen? - Nicht schon wieder.
In den Tierpark? - Urfad.
Was wollt Ihr denn überhaupt? - Weiß auch nicht ...
Es könnte einem ja wurscht sein, ob die Kinder sich neun Wochen langweilen oder nicht, wenn man als Homeworker nicht die daraus resultierende Unzufriedenheit ertragen müsste, die Streitereien und das Geraunze. Hinzu kommt, ich will es nicht verhehlen, auch eine kleine Portion Neid. Während wir als Schüler seinerzeit nur sechs Wochen Sommerferien hatten, kommen unsere Kinder in den anderthalbfachen Genuss. So gesehen wäre es günstiger gewesen, in Österreich aufzuwachsen und später zur Familiengründung nach Deutschland zu übersiedeln. Aber man kann sich sein Schicksal nicht immer aussuchen.
Außerdem habe ich errechnet, dass deutsche Schüler übers Jahr gar nicht weniger Ferien haben als österreichische, nämlich gut zwölf Wochen. Sie verteilen sich nur anders. In Österreich gibt es keine Herbst- oder Pfingsferien, und die Osterferien dauern nur eine Woche plus Feiertage. Unterm Strich alles ziemlich gerecht also und kein Grund zu klagen.
Inzwischen habe ich mich an die luxuriösen Ferien meiner Kinder nicht nur gewöhnt, sondern gelernt, das beste daraus zu machen. Zwar ist es mir als Erwachsenem weder vergönnt noch wäre es mir aufgrund meiner preußischen Sozialisierung überhaupt möglich, neun Wochen lang nix zu tun. Aber erstens kommen die Sommerferien inzwischen nicht mehr unerwartet über uns, so dass man vorausplanend mit Hilfe von Hortbetreuung, diversen Bootcamps und solidarischen Verwandten ein unterhaltsames Ferienprogramm zusammenstellen kann.
Und zweitens gelingt es mir während dieser neun Wochen ab und zu doch, ein wenig an der Ferienstimmung zu partizipieren und damit am wahren Reichtum der Kindheit: scheinbar unendlich Zeit zu haben.
Also gut, machen wir einen Ausflug auf die Rax. - O nein, bloß nicht Wandern!
Sollen wir ins Freibad gehen? - Nicht schon wieder.
In den Tierpark? - Urfad.
Was wollt Ihr denn überhaupt? - Weiß auch nicht ...
Es könnte einem ja wurscht sein, ob die Kinder sich neun Wochen langweilen oder nicht, wenn man als Homeworker nicht die daraus resultierende Unzufriedenheit ertragen müsste, die Streitereien und das Geraunze. Hinzu kommt, ich will es nicht verhehlen, auch eine kleine Portion Neid. Während wir als Schüler seinerzeit nur sechs Wochen Sommerferien hatten, kommen unsere Kinder in den anderthalbfachen Genuss. So gesehen wäre es günstiger gewesen, in Österreich aufzuwachsen und später zur Familiengründung nach Deutschland zu übersiedeln. Aber man kann sich sein Schicksal nicht immer aussuchen.
Außerdem habe ich errechnet, dass deutsche Schüler übers Jahr gar nicht weniger Ferien haben als österreichische, nämlich gut zwölf Wochen. Sie verteilen sich nur anders. In Österreich gibt es keine Herbst- oder Pfingsferien, und die Osterferien dauern nur eine Woche plus Feiertage. Unterm Strich alles ziemlich gerecht also und kein Grund zu klagen.
Inzwischen habe ich mich an die luxuriösen Ferien meiner Kinder nicht nur gewöhnt, sondern gelernt, das beste daraus zu machen. Zwar ist es mir als Erwachsenem weder vergönnt noch wäre es mir aufgrund meiner preußischen Sozialisierung überhaupt möglich, neun Wochen lang nix zu tun. Aber erstens kommen die Sommerferien inzwischen nicht mehr unerwartet über uns, so dass man vorausplanend mit Hilfe von Hortbetreuung, diversen Bootcamps und solidarischen Verwandten ein unterhaltsames Ferienprogramm zusammenstellen kann.
Und zweitens gelingt es mir während dieser neun Wochen ab und zu doch, ein wenig an der Ferienstimmung zu partizipieren und damit am wahren Reichtum der Kindheit: scheinbar unendlich Zeit zu haben.
Dienstag, 5. Juli 2016
Neue Expeditionen ins Schleinbacher Tierreich. Heute: Alle meine Entchen
Wenn ich hier längere Zeit nichts schreibe, bedeutet das keineswegs, dass es nichts zu erzählen gäbe. Im Gegenteil! Gerade weil so viel geschieht in unserer kleinen Weinviertler Welt, komme ich nicht dazu, diesen Blog weiterzuführen: etwa das Elki(=Eltern-Kind)-Fest, bei dem unser nunmehr schulreife Sohn symbolisch aus dem Kindergarten geworfen wurde, sodann erhielt unser Herr Bürgermeister anlässlich seines sechzigsten Geburtstags den Ehrenring der Gemeinde, in der Volksschule wurden Zeugnisse verteilt, das alljährliche Väter- und Kinderzelten fand statt, und am Sonntag wurde im Pfarrhof zu Schnitzel und Blasmusik eine öffentliche Bibliothek eröffnet, die sagenhafte 1927 Medien bereithält. Da sage noch einer, bei uns wäre nichts los!
Noch am selbigen Sonntag hat sich die Kette denkwürdiger Ereignisse um ein weiteres Glied verlängert: Tina und Alex, unsere Laufenten, sind Eltern geworden! Eigentlich hatten wir sie ja in ihrem ersten Jahr bei uns von der Fortpflanzung abhalten wollen und daher die Eier, die Tina nächtens legte, in Kuchen, Kaiserschmarrn und Palatschinken verschwinden lassen. Doch irgendwann verschwanden die Eier von selbst, bevor wir sie mopsen konnten, bis wir sie unweit des Stalles im Gebüsch fanden, wo Tina ein Nest gebaut hatte. Dort muss sie leider auch ein Räuber gefunden haben, denn wenige Tage später waren alle Eier fort, und der Erpel gebärdete sich auffällig aggressiv. Offenbar verdächtigte er mich, der Nesträuber zu sein.
Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich gab einen Haufen Stroh in den Stall, ließ die Eier von da an, wo sie waren, und bald saß Tina Tag und Nacht auf acht Stück und brütete, während Alex ein offenbar nicht sehr berauschendes Strohwitwerleben führte. Tja, und am Sonntag war's dann soweit: Eines nach dem anderen krochen acht zuerst struppige, bald schon flauschige Küken aus ihren Eiern. Ente und Erpel platzten förmlich vor Stolz. Heute haben sie bereits den ersten Familienausflug in den Garten gemacht:
Seither finde ich mich in Gefühlswelten wieder, die am ehesten mit jenen vergleichbar sind, die ich nach den Geburten meiner Kinder durchlebt habe. Eine ähnliche Sorge wie die, mit der man zuweilen nachts aufstand, um zu horchen, ob das Kind noch atmete, treibt mich jetzt in den Garten, um zu schauen, ob die junge Familie wohlauf ist. Haben sie auch genug zu trinken und zu fressen? Wagt sich keine räuberische Katze in ihre Nähe? Wird der Erpel weiterhin vom Beschützerinstinkt gesteuert und hat noch keines seiner Kinder malträtiert, wie in Internetforen immer wieder gewarnt wird ...?
Und aufs neue gilt es, Gelassenheit zu üben und zu vertrauen, dass die Natur sich schon zu helfen wissen wird. Tina und Alex, Ihr schafft das schon!
Noch am selbigen Sonntag hat sich die Kette denkwürdiger Ereignisse um ein weiteres Glied verlängert: Tina und Alex, unsere Laufenten, sind Eltern geworden! Eigentlich hatten wir sie ja in ihrem ersten Jahr bei uns von der Fortpflanzung abhalten wollen und daher die Eier, die Tina nächtens legte, in Kuchen, Kaiserschmarrn und Palatschinken verschwinden lassen. Doch irgendwann verschwanden die Eier von selbst, bevor wir sie mopsen konnten, bis wir sie unweit des Stalles im Gebüsch fanden, wo Tina ein Nest gebaut hatte. Dort muss sie leider auch ein Räuber gefunden haben, denn wenige Tage später waren alle Eier fort, und der Erpel gebärdete sich auffällig aggressiv. Offenbar verdächtigte er mich, der Nesträuber zu sein.
Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich gab einen Haufen Stroh in den Stall, ließ die Eier von da an, wo sie waren, und bald saß Tina Tag und Nacht auf acht Stück und brütete, während Alex ein offenbar nicht sehr berauschendes Strohwitwerleben führte. Tja, und am Sonntag war's dann soweit: Eines nach dem anderen krochen acht zuerst struppige, bald schon flauschige Küken aus ihren Eiern. Ente und Erpel platzten förmlich vor Stolz. Heute haben sie bereits den ersten Familienausflug in den Garten gemacht:
Seither finde ich mich in Gefühlswelten wieder, die am ehesten mit jenen vergleichbar sind, die ich nach den Geburten meiner Kinder durchlebt habe. Eine ähnliche Sorge wie die, mit der man zuweilen nachts aufstand, um zu horchen, ob das Kind noch atmete, treibt mich jetzt in den Garten, um zu schauen, ob die junge Familie wohlauf ist. Haben sie auch genug zu trinken und zu fressen? Wagt sich keine räuberische Katze in ihre Nähe? Wird der Erpel weiterhin vom Beschützerinstinkt gesteuert und hat noch keines seiner Kinder malträtiert, wie in Internetforen immer wieder gewarnt wird ...?
Und aufs neue gilt es, Gelassenheit zu üben und zu vertrauen, dass die Natur sich schon zu helfen wissen wird. Tina und Alex, Ihr schafft das schon!
Mittwoch, 15. Juni 2016
Lieber eine Katze im Baum als Feuer unterm Dach
Wer das unglamouröse Leben eines modernen Kleinhäuslers* führt, dem kann das wenig Heldenhafte der eigenen Existenz zuweilen schmerzhaft bewusst werden. Solche Momente wie neulich, als Nachbars Kater aus hoher Not geborgen werden wollte, sind dann willkommene Gelegenheiten, zu zeigen, was in einem steckt.
Eigentlich haben wir für solche Fälle die Freiwillige Feuerwehr. Weil unsere Gemeinde sich aus drei Dörfern zusammensetzt, haben wir sogar drei Feuerwehren. Jede hat ein eigenes Feuerwehrhaus, mehrere mit kryptischen Kürzeln wie KRF oder TLFA bezeichnete Feuerwehrfahrzeuge und natürlich einen Feuerwehrkommandanten, einen Vizekommandanten und was da Ämter mehr sind. Zudem hat die Feuerwehr eine schmucke Ausgehuniform, die in einem gewisse Assoziationen weckenden Dunkelbraun gehalten und der wesentliche Grund dafür ist, dass ich der Feuerwehr bisher nicht beigetreten bin - trotz meiner heimlichen Träume vom Alltagsheldentum (und mal abgesehen davon, dass ich lieber ein Feuer anzünde, als es zu löschen ...).
Nun brennt in unserer Gemeinde gottlob nur sehr selten etwas, das nicht brennen sollte. Dennoch hat die Feuerwehr alle Hände voll zu tun. Sie macht Jugendarbeit, hält Übungen und Schulungen ab, nimmt an Feuerwehrleistungsbewerben teil, betreibt in der Adventszeit eine Punschhütte, veranstaltet im Fasching einen Feuerwehrball und im Herbst eine bei der umgebenden Jugend beliebte Party unter dem Motto "The Roof is on Fire"; am 30. April stellt unsere Feuerwehr unter Einsatz von reichlich männlicher Muskelkraft den Maibaum auf, sägt ihn Anfang Juli wieder um, und sie wird angerufen, wenn ein Keller unter Wasser steht, ein havariertes Auto zu bergen oder eine Katze vom Baum zu holen ist. Allerdings rückt unsere Dorffeuerwehr unter der Woche tagsüber nicht mehr aus, weil zu wenige Feuerwehrleute vor Ort sind. Die meisten sind Pendler.
Und so haben wir den entflohenen Kater der Nachbarin am Ende selber gerettet. Nachdem wir die Grundstückseigentümer, wo der arme Carlo seit zwei Tagen im Baum festsaß, über mehrere Ecken telefonisch erreicht und diese sich als Tierfreunde entpuppt hatten, war's ein Kinderspiel: Mit der Leiter rein, an den Baum gelehnt, einer hält fest, einer klettert rauf. Zwar traute sich der Kater erst nicht aus der Krone, in der er wie in einem Korb saß, aber mit ein bisschen Zureden und Zerren konnten wir ihn schließlich doch sicher zu Boden bringen.
*Zur Figur des "Kleinhäuslers" vgl. Marianne Messerer, Die Unterschichten der ländlichen Bevölkerung mit Beispielen aus dem Weinviertler Museumsdorf, Diplomarbeit Wien 2008, S. 62ff (zum Download).
Eigentlich haben wir für solche Fälle die Freiwillige Feuerwehr. Weil unsere Gemeinde sich aus drei Dörfern zusammensetzt, haben wir sogar drei Feuerwehren. Jede hat ein eigenes Feuerwehrhaus, mehrere mit kryptischen Kürzeln wie KRF oder TLFA bezeichnete Feuerwehrfahrzeuge und natürlich einen Feuerwehrkommandanten, einen Vizekommandanten und was da Ämter mehr sind. Zudem hat die Feuerwehr eine schmucke Ausgehuniform, die in einem gewisse Assoziationen weckenden Dunkelbraun gehalten und der wesentliche Grund dafür ist, dass ich der Feuerwehr bisher nicht beigetreten bin - trotz meiner heimlichen Träume vom Alltagsheldentum (und mal abgesehen davon, dass ich lieber ein Feuer anzünde, als es zu löschen ...).
Nun brennt in unserer Gemeinde gottlob nur sehr selten etwas, das nicht brennen sollte. Dennoch hat die Feuerwehr alle Hände voll zu tun. Sie macht Jugendarbeit, hält Übungen und Schulungen ab, nimmt an Feuerwehrleistungsbewerben teil, betreibt in der Adventszeit eine Punschhütte, veranstaltet im Fasching einen Feuerwehrball und im Herbst eine bei der umgebenden Jugend beliebte Party unter dem Motto "The Roof is on Fire"; am 30. April stellt unsere Feuerwehr unter Einsatz von reichlich männlicher Muskelkraft den Maibaum auf, sägt ihn Anfang Juli wieder um, und sie wird angerufen, wenn ein Keller unter Wasser steht, ein havariertes Auto zu bergen oder eine Katze vom Baum zu holen ist. Allerdings rückt unsere Dorffeuerwehr unter der Woche tagsüber nicht mehr aus, weil zu wenige Feuerwehrleute vor Ort sind. Die meisten sind Pendler.
Und so haben wir den entflohenen Kater der Nachbarin am Ende selber gerettet. Nachdem wir die Grundstückseigentümer, wo der arme Carlo seit zwei Tagen im Baum festsaß, über mehrere Ecken telefonisch erreicht und diese sich als Tierfreunde entpuppt hatten, war's ein Kinderspiel: Mit der Leiter rein, an den Baum gelehnt, einer hält fest, einer klettert rauf. Zwar traute sich der Kater erst nicht aus der Krone, in der er wie in einem Korb saß, aber mit ein bisschen Zureden und Zerren konnten wir ihn schließlich doch sicher zu Boden bringen.
*Zur Figur des "Kleinhäuslers" vgl. Marianne Messerer, Die Unterschichten der ländlichen Bevölkerung mit Beispielen aus dem Weinviertler Museumsdorf, Diplomarbeit Wien 2008, S. 62ff (zum Download).
Montag, 6. Juni 2016
Kater auf Abwegen
Ein Held zu sein, ist ein Kinderspiel, wenn man einen sechsjährigen Sohn hat:
Papa, kannst Du mir die Flasche aufmachen? - Nichts leichter als das!
Papa, wieviel ist 300 Euro mal 300 Euro? - Aehhhhhh, 90 000 Euro zum Quadrat?
Papa, kannst Du meinen Stuntroller reparieren? - Schaun wir mal ...
Wobei mein Sohn aus unserem altersbedingten Kompetenzgefaelle seine ganz eigenen Schlüsse zu ziehen scheint. Es ist schon eine Weile her, ich kniete gebückt vor ihm, um seine Schuhe zu binden, da sagte er zu mir von oben herab:
Du, eigentlich müsste ich ja der Papa sein und Du das Kind. - Wieso das?
Weil, ich bin ja viel besser als Du. - ... Nun ja, wir können gern mal einen Tag tauschen. Dann bin ich das Kind und Du der Papa. Du musst dann aber alles machen, was ich sonst mache ...
Kurzes Nachdenken seinerseits. Endlich schüttelte er den Kopf: Nee, das geht doch nicht. Es gibt etwas, was Du besser kannst als ich. - Und das wäre? - Autofahren.
Neulich jedoch bekam ich Gelegenheit, mich vor meinem Sohn und noch vor anderen wirklich zu beweisen. Es war Nachmittag, als die Nachbarin von der anderen Bachseite anrief. Sie war aufgeregt. Der eine Kater sei schon seit gestern verschwunden, wieder einmal, und jetzt gerade habe sie ihn maunzen gehört, auf dem Nachbargrundstück. Ob ich ihr nicht helfen könnte, ich würde die Nachbarn doch kennen ...
Man muss dazu sagen, dass wir hier eine ausgesprochen nette Nachbarschaft haben. Man plaudert über den Zaun, hilft einander, trinkt auch mal ein Bier zum Feierabend. Alle ringsum sind sehr nett, mit nur einer Ausnahme: Jene Leute, auf deren Grundstück nun der Kater verschollen war. Es ist ein älteres Ehepaar mit Schäferhund, zweifellos wohlhabend, das dort seinen Zweitwohnsitz hat. Ein großes Grundstück, dicht bewachsen mit sehr hohen Bäumen, die in der Nachbarschaft immer wieder für Unmut sorgen, weil sie zuviel Schatten und im Herbst zahllose Blätter abwerfen. Ein richtiger Wald, schön zwar, aber überproportioniert für ein Wohngebiet.
Von diesen Leuten wussten wir bisher nur, dass wir Nachbarn und die Probleme, die ihre Bäume uns bereiten, ihnen herzlich wurscht sind. Sie haben offenbar kein Interesse daran, sich hier zu integrieren, und halten sich, wenn sie da sind, irgendwo weit hinten in ihrem Wäldchen verborgen. Sie haben nicht einmal eine Klingel.
Mit anderen Worten: Für den Kater sah es nicht gut aus. Wie sollten wir die Eigentümer - gesetzt den Fall, dass sie überhaupt da waren - erreichen? Und selbst wenn wir sie erreichen würden, würden sie uns überhaupt auf ihr Grundstück lassen ... ?
Fortsetzung folgt.
Papa, kannst Du mir die Flasche aufmachen? - Nichts leichter als das!
Papa, wieviel ist 300 Euro mal 300 Euro? - Aehhhhhh, 90 000 Euro zum Quadrat?
Papa, kannst Du meinen Stuntroller reparieren? - Schaun wir mal ...
Wobei mein Sohn aus unserem altersbedingten Kompetenzgefaelle seine ganz eigenen Schlüsse zu ziehen scheint. Es ist schon eine Weile her, ich kniete gebückt vor ihm, um seine Schuhe zu binden, da sagte er zu mir von oben herab:
Du, eigentlich müsste ich ja der Papa sein und Du das Kind. - Wieso das?
Weil, ich bin ja viel besser als Du. - ... Nun ja, wir können gern mal einen Tag tauschen. Dann bin ich das Kind und Du der Papa. Du musst dann aber alles machen, was ich sonst mache ...
Kurzes Nachdenken seinerseits. Endlich schüttelte er den Kopf: Nee, das geht doch nicht. Es gibt etwas, was Du besser kannst als ich. - Und das wäre? - Autofahren.
Neulich jedoch bekam ich Gelegenheit, mich vor meinem Sohn und noch vor anderen wirklich zu beweisen. Es war Nachmittag, als die Nachbarin von der anderen Bachseite anrief. Sie war aufgeregt. Der eine Kater sei schon seit gestern verschwunden, wieder einmal, und jetzt gerade habe sie ihn maunzen gehört, auf dem Nachbargrundstück. Ob ich ihr nicht helfen könnte, ich würde die Nachbarn doch kennen ...
![]() |
| Kater Carlo, der Ausreißer. |
Von diesen Leuten wussten wir bisher nur, dass wir Nachbarn und die Probleme, die ihre Bäume uns bereiten, ihnen herzlich wurscht sind. Sie haben offenbar kein Interesse daran, sich hier zu integrieren, und halten sich, wenn sie da sind, irgendwo weit hinten in ihrem Wäldchen verborgen. Sie haben nicht einmal eine Klingel.
Mit anderen Worten: Für den Kater sah es nicht gut aus. Wie sollten wir die Eigentümer - gesetzt den Fall, dass sie überhaupt da waren - erreichen? Und selbst wenn wir sie erreichen würden, würden sie uns überhaupt auf ihr Grundstück lassen ... ?
Fortsetzung folgt.
Dienstag, 24. Mai 2016
Caramba, teléfono: Der Volksanwalt ruft an
Gestern abend um kurz nach sechs - ich war gerade dabei, den Kindern das Abendbrot zu richten - klingelte unser Festnetztelefon. Wenn es am Festnetz klingelt, ist in der Regel entweder eine der Omas am Apparat oder irgendein Telefonverkäufer. Diesmal jedoch meldete sich, zu meiner Überraschung, eine Dame von der "Volksanwaltschaft".
In Österreich gibt es auf Bundesebene drei Volksanwälte. Das sind Ombudsleute des Parlaments, die - nach eigener Darstellung - "Menschen zur Seite stehen, wenn sie sich von einer österreichischen Behörde nicht gerecht behandelt fühlen". Und genau das hatte ich ja unlängst, wie an dieser Stelle berichtet, als das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) in Traiskirchen meine syrischen Nachbarn und mich, die wir von weit her angereist waren, um Pässe zu beantragen, einfach abwies.
Nach unserer Rückkehr von dieser frustrierenden Fahrt hatte ich die Internetseite der Volksanwaltschaft aufgerufen und dort, über ein Online-Formular, kurzerhand Beschwerde gegen das BFA erhoben. Nicht dass ich mir viel davon versprochen hätte. Auch einige meiner hiesigen Bekannten, "gelernte Österreicher" allesamt, teilten meine Erwartung, dass es sich bei dieser Einrichtung bestenfalls um eine Art Blitzableiter für den Zorn bürokratiegebeutelter Untertanen handelt, dessen Beanspruchung zwar der psychischen Gesundheit zuträglich, aber sonst wohl nutzlos ist.
Und nun rief mich also diese Dame an, stellte sich als Referentin im Geschäftsbereich C der Volksanwaltschaft vor und wollte mit mir über meine Beschwerde sprechen. Sie war sehr freundlich und nach einem ausführlichen Gespräch stellte sie in Aussicht, dem Vorfall nachzugehen und die Beschwerde an das Innenministerium, dem das BFA untersteht, weiterzuleiten. Meine Sorge, der syrischen Familie könnten dadurch zukünftig Nachteile entstehen, schien sie lustig zu finden. Keine Angst, Österreich sei ein Rechtsstaat, erklärte sie.
Whow! Dieser Anruf hat mich ein bisschen mit Kakanien versöhnt ...
(Interessantes Detail am Rande: Der für Fremden- und Asylrecht und damit auch für unseren Fall zuständige Volksanwalt Dr. Peter Fichtenbauer ist Mitglied der FPÖ.)
In Österreich gibt es auf Bundesebene drei Volksanwälte. Das sind Ombudsleute des Parlaments, die - nach eigener Darstellung - "Menschen zur Seite stehen, wenn sie sich von einer österreichischen Behörde nicht gerecht behandelt fühlen". Und genau das hatte ich ja unlängst, wie an dieser Stelle berichtet, als das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) in Traiskirchen meine syrischen Nachbarn und mich, die wir von weit her angereist waren, um Pässe zu beantragen, einfach abwies.
Nach unserer Rückkehr von dieser frustrierenden Fahrt hatte ich die Internetseite der Volksanwaltschaft aufgerufen und dort, über ein Online-Formular, kurzerhand Beschwerde gegen das BFA erhoben. Nicht dass ich mir viel davon versprochen hätte. Auch einige meiner hiesigen Bekannten, "gelernte Österreicher" allesamt, teilten meine Erwartung, dass es sich bei dieser Einrichtung bestenfalls um eine Art Blitzableiter für den Zorn bürokratiegebeutelter Untertanen handelt, dessen Beanspruchung zwar der psychischen Gesundheit zuträglich, aber sonst wohl nutzlos ist.
Und nun rief mich also diese Dame an, stellte sich als Referentin im Geschäftsbereich C der Volksanwaltschaft vor und wollte mit mir über meine Beschwerde sprechen. Sie war sehr freundlich und nach einem ausführlichen Gespräch stellte sie in Aussicht, dem Vorfall nachzugehen und die Beschwerde an das Innenministerium, dem das BFA untersteht, weiterzuleiten. Meine Sorge, der syrischen Familie könnten dadurch zukünftig Nachteile entstehen, schien sie lustig zu finden. Keine Angst, Österreich sei ein Rechtsstaat, erklärte sie.
Whow! Dieser Anruf hat mich ein bisschen mit Kakanien versöhnt ...
(Interessantes Detail am Rande: Der für Fremden- und Asylrecht und damit auch für unseren Fall zuständige Volksanwalt Dr. Peter Fichtenbauer ist Mitglied der FPÖ.)
Mittwoch, 18. Mai 2016
Der Aktenschrank ist voll
"Wie integrieren wir die Menschen, die schon da sind?", fragte der frisch angelobte (übrigens auch so ein schönes Wort: schwingen etwa da die
Vorschusslorbeeren für den neuen Herrscher schon mit?) Bundeskanzler Christian Kern gestern im Fernsehinterview. Dieselbe Frage stellen sich viele Österreicherinnen und Österreicher angesichts von zigtausenden Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten.
Seit heute tue ich es auch.
Das heißt, genau genommen frage ich mich das schon länger und suche eine Antwort, indem ich gemeinsam mit einigen anderen Leuten zwei aus Syrien geflohenen Familien, die das Schicksal in unsere niederösterreichische Landgemeinde verschlagen hat, bei der Bewältigung ihres Alltags helfe. Dieses Engagement wäre an sich nicht der Rede wert. Als durch Herkunft, Bildung und verwandtschaftliche Beziehungen privilegierter Immigrant ist es für mich selbstverständlich, anderen Zugereisten zu helfen. So bin ich etwa neulich mit der einen Familie zum Passcenter des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl (BFA) nach Traiskirchen gefahren, um dort für alle fünf Mitglieder Konventionsreisepässe zu beantragen.
Traiskirchen ist nicht nur Synonym für die größte Asylwerberunterkunft in Österreich, sondern auch Sitz der Regionaldirektion des BFA, wo nach Auskunft von dessen Internetseite besagte Pässe zu beantragen sind. Es liegt etwa 30 Kilometer südlich von Wien. Um von Schleinbach dorthin zu gelangen, muss man eine mehr als zweistündige Reise mit der ÖBB auf sich nehmen, oder aber man fährt mit dem Auto und hat so die Chance - sofern die meistbefahrene Straße Österreichs, ein bis zu fünfspuriger Baustellenparcour namens "Südosttangente", nicht verstopft ist -, in einer guten Stunde dort zu sein
Weil das beim ersten Mal wunderbar geklappt hatte, bin ich heute früh mit der syrischen Familie Nr. 2, ebenfalls fünf Personen, wieder in unserem braven Dacia Logan MCV nach Traiskirchen zum Passcenter gefahren. Und abgesehen davon, dass wir bei Wiener Neudorf einen Stau hatten und mir der kleine Majid, wohl durch das Gekurve bei dessen Umfahrung, ins Auto gekotzt hat, kamen wir auch wohlbehalten dort an.
Allerdings nur um zu erfahren, dass dieses Passcenter für Flüchtlinge, die in unserer Gemeinde wohnhaft sind, nicht zuständig sei und wir uns zur Beantragung der Pässe in die Landeshauptstadt St. Pölten zu verfügen hätten - welche 70 Autobahnkilometer weiter westlich liegt. Meine Einwände, vor wenigen Wochen hätten wir aber genau hier Pässe beantragt und der Internetseite des BFA zufolge könnten wir es nach wie vor, erhielt ich zur Antwort, da habe es sich wohl um einen Irrtum gehandelt, die Regelung sei nunmal so, man müsse "leider hart sein". Und schließlich: "Ich kann nichts dafür, das ist die österreichische Bürokratie!"
Als ich in St. Pölten sicherheitshalber anrief, sagten die mir, wir bräuchten gar nicht erst zu kommen, sie seien ausgelastet. Also fuhren wir unverrichteter Dinge wieder nach Hause.
Seit heute zweifle auch ich, dass Kafkas Land das schafft mit der Integration.
Seit heute tue ich es auch.
Das heißt, genau genommen frage ich mich das schon länger und suche eine Antwort, indem ich gemeinsam mit einigen anderen Leuten zwei aus Syrien geflohenen Familien, die das Schicksal in unsere niederösterreichische Landgemeinde verschlagen hat, bei der Bewältigung ihres Alltags helfe. Dieses Engagement wäre an sich nicht der Rede wert. Als durch Herkunft, Bildung und verwandtschaftliche Beziehungen privilegierter Immigrant ist es für mich selbstverständlich, anderen Zugereisten zu helfen. So bin ich etwa neulich mit der einen Familie zum Passcenter des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl (BFA) nach Traiskirchen gefahren, um dort für alle fünf Mitglieder Konventionsreisepässe zu beantragen.
Traiskirchen ist nicht nur Synonym für die größte Asylwerberunterkunft in Österreich, sondern auch Sitz der Regionaldirektion des BFA, wo nach Auskunft von dessen Internetseite besagte Pässe zu beantragen sind. Es liegt etwa 30 Kilometer südlich von Wien. Um von Schleinbach dorthin zu gelangen, muss man eine mehr als zweistündige Reise mit der ÖBB auf sich nehmen, oder aber man fährt mit dem Auto und hat so die Chance - sofern die meistbefahrene Straße Österreichs, ein bis zu fünfspuriger Baustellenparcour namens "Südosttangente", nicht verstopft ist -, in einer guten Stunde dort zu sein
Weil das beim ersten Mal wunderbar geklappt hatte, bin ich heute früh mit der syrischen Familie Nr. 2, ebenfalls fünf Personen, wieder in unserem braven Dacia Logan MCV nach Traiskirchen zum Passcenter gefahren. Und abgesehen davon, dass wir bei Wiener Neudorf einen Stau hatten und mir der kleine Majid, wohl durch das Gekurve bei dessen Umfahrung, ins Auto gekotzt hat, kamen wir auch wohlbehalten dort an.
Allerdings nur um zu erfahren, dass dieses Passcenter für Flüchtlinge, die in unserer Gemeinde wohnhaft sind, nicht zuständig sei und wir uns zur Beantragung der Pässe in die Landeshauptstadt St. Pölten zu verfügen hätten - welche 70 Autobahnkilometer weiter westlich liegt. Meine Einwände, vor wenigen Wochen hätten wir aber genau hier Pässe beantragt und der Internetseite des BFA zufolge könnten wir es nach wie vor, erhielt ich zur Antwort, da habe es sich wohl um einen Irrtum gehandelt, die Regelung sei nunmal so, man müsse "leider hart sein". Und schließlich: "Ich kann nichts dafür, das ist die österreichische Bürokratie!"
Als ich in St. Pölten sicherheitshalber anrief, sagten die mir, wir bräuchten gar nicht erst zu kommen, sie seien ausgelastet. Also fuhren wir unverrichteter Dinge wieder nach Hause.
Seit heute zweifle auch ich, dass Kafkas Land das schafft mit der Integration.
Mittwoch, 4. Mai 2016
Reich ins Heim
Und es soll später niemand sagen, er habe die Zeichen nicht vernommen:
"Am Montag, den 25. April 2016 ereignete sich mittags um 12:28 Uhr MESZ
bei Alland, Niederösterreich, ein Erdbeben, das eine Magnitude von 4,2
aufwies", meldete die ZAMG, die Zentralanstalt für Meteorologie und
Geodynamik. Einen Tag zuvor hatte ein gewisser Norbert Hofer aus Pinkafeld die
erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewonnen. Zwei Tage später versanken die
Bundesländer Kärnten und Steiermark, in denen besagter Kandidat
überdurchschnittlich viele Stimmen gesammelt hatte, im Schneechaos. Der
öffentliche Verkehr brach zusammen, ebenso wie das Stromnetz, die Polizei
warnte die Bürger vor Lebensgefahr und riet ihnen, im Haus zu bleiben. 50.000
Hektar Wein-, Obst- und Ackerkulturen wurden durch den Frosteinbruch
vernichtet, der Schaden beläuft sich auf mehr als 200 Millionen Euro ... Die
Warnung hätte eindeutiger nicht sein können. Über den Kandidaten einer Partei,
die ihren Wählern das Blaue vom Himmel verspricht, haben Himmel und Erde den
Stab gebrochen.
In früheren Zeiten, als die Menschen noch ein Gespür besaßen für die Harmonie, die den Kosmos regiert, hätte das Volk die Zeichen sofort erkannt und keinen Herrscher auf den Thron gehoben, der offenkundig die Elementargewalten gegen sich hat. Aber dieses Gespür scheint den Menschen unserer Zeit verloren gegangen zu sein, und so steht zu erwarten, dass die Österreicherinnen und Österreicher den netten Herrn Hofer in der Stichwahl am 22.Mai zu ihrem Präsidenten küren. Warum? Weil er ihnen suggeriert, er könne ihr Land in jene "glückliche Insel" zurückverwandeln, als die Papst Paul VI. es einst bezeichnet hat. Einst heißt, in den seligen Siebziger Jahren, dem Sehnsuchtserinnerungsort der verängstigten Mittelschicht, als die Sozialleistungen immer mehr, die Arbeitszeiten immer kürzer wurden und die Supermächte mit ihren Atomwaffen für einen allzeit strahlend blauen Himmel über Europa sorgten.
Wenn der sympathische Herr Hofer und seine blauen Parteifreunde ihre Wähler nur nicht täuschen! Der Kandidat ist nämlich stolzes Mitglied der schlagenden Burschenschaft Marko-Germania, die ihr Bekenntnis zum "deutschen Volkstum" in den Farben Schwarz-Rot-Gold ausdrückt. Womöglich bringt ein derart anschlussfähiger Bundespräsident mir als in Österreich lebendem Deutschen gar meine alte Heimat näher. Das wäre doch schön: Dann könnte ich demnächst wieder in Deutschland leben, ohne den Wohnort wechseln zu müssen.
In früheren Zeiten, als die Menschen noch ein Gespür besaßen für die Harmonie, die den Kosmos regiert, hätte das Volk die Zeichen sofort erkannt und keinen Herrscher auf den Thron gehoben, der offenkundig die Elementargewalten gegen sich hat. Aber dieses Gespür scheint den Menschen unserer Zeit verloren gegangen zu sein, und so steht zu erwarten, dass die Österreicherinnen und Österreicher den netten Herrn Hofer in der Stichwahl am 22.Mai zu ihrem Präsidenten küren. Warum? Weil er ihnen suggeriert, er könne ihr Land in jene "glückliche Insel" zurückverwandeln, als die Papst Paul VI. es einst bezeichnet hat. Einst heißt, in den seligen Siebziger Jahren, dem Sehnsuchtserinnerungsort der verängstigten Mittelschicht, als die Sozialleistungen immer mehr, die Arbeitszeiten immer kürzer wurden und die Supermächte mit ihren Atomwaffen für einen allzeit strahlend blauen Himmel über Europa sorgten.
Wenn der sympathische Herr Hofer und seine blauen Parteifreunde ihre Wähler nur nicht täuschen! Der Kandidat ist nämlich stolzes Mitglied der schlagenden Burschenschaft Marko-Germania, die ihr Bekenntnis zum "deutschen Volkstum" in den Farben Schwarz-Rot-Gold ausdrückt. Womöglich bringt ein derart anschlussfähiger Bundespräsident mir als in Österreich lebendem Deutschen gar meine alte Heimat näher. Das wäre doch schön: Dann könnte ich demnächst wieder in Deutschland leben, ohne den Wohnort wechseln zu müssen.
Samstag, 30. April 2016
War on Slugs
Auch wir haben lange überlegt, ob wir Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen sollen, haben uns dann aber doch für Indische Laufenten entschieden. Laufenten sind pflegeleicht und haben eine günstige Integrationsprognose, vor allem was die Eingliederung in den Arbeitsmarkt angeht, wenn auch nur den informellen. Sie gelten als tüchtige Gartenhelfer, nicht zuletzt durch ihre Neigung, jegliches Kleingetier zu vertilgen, das am Boden herumkreucht, wobei sie vor allem auch die Spanische Wegschnecke nicht verschmähen. Diese gefräßige Nacktschnecke hat sich bekanntlich seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von ihren Stammlanden beidseits der Pyrenäen aus über ganz Europa verbreitet, ist vermutlich also ein Profiteur der europäischen Integration. Seither richtet sie in Haus- und Gemüsegärten Verheerungen volkswirtschaftlich relevanten Ausmaßes an. So auch bei uns.
Die Molluskeninvasion - was habe ich nicht alles unternommen, um ihr beizukommen! Jedes Frühjahr, wenn sie aus ihren Schlupflöchern krochen, um sich, widerliche Schleimspuren zurücklassend, über Salat, Kohlrabi, Tomaten, Paprika, Zucchini und andere zarte Jungpflanzen herzumachen, war ich Abend für Abend zur Stelle. Mit Gummihandschuhen und Stirnlampe bewaffnet habe ich sie schüsselweise aufgeklaubt und auf vielfältige Weise entsorgt: durch Zerschneiden, Verbrühen, Zertreten, Ertränken, Salzen. Irgendwann war mir all das der Mühe zuviel, und ich habe die Viecher nur mehr in verschraubbare Gläser geworfen und diese tagsüber in der Sonne garen lassen. Den ekelhaften Sud, der sich nach Tagen und Wochen in diesen Gläsern ansammelte, habe ich zum Düngen unter die Sträucher geschüttet.
Dann überkam mich Reue angesichts meiner Fühllosigkeit gegenüber dem Schneckenleid. Aus einem Buch lernte ich, dass auch diese ungeliebten Geschöpfe im großen ökologischen Ganzen ihre Aufgabe haben. Angeblich helfen sie dabei, krankes und welkes Pflanzenmaterial wegzuschaffen. Also habe ich sie nicht mehr getötet, sondern nur noch aufgesammelt und in den Bach geworfen, wo sie - so redete ich mir ein - zumindest eine Überlebenschance hatten. Flankierend habe ich versucht die empfindlichsten Pflanzungen in meinem Garten zu schützen, durch Wälle aus Rindenmulch, Eierschalen, Schafwolle und schließlich, als das nicht fruchtete, mit Eisen(III)-Phosphat, vulgo Schneckenkorn. Alles umsonst. Fingerdicke Paprikastengel wurden förmlich gefällt, faustgroße Tomaten komplett ausgehöhlt, ganze Zucchinipflanzen verschwanden über Nacht, Früchte, Blätter, einfach alles.
Nun habe ich den Kampf gegen die Schneckenplage ausgelagert. Seit Ostern kümmern sich "Tina" und "Alex" um das Problem:
Tina legt außerdem jede Nacht ein Ei, das in unseren Kühlschrank wandert, und dann düngen beide auch oft und reichlich unsere Beete. Mit anderen Worten, die zwei haben sich binnen kurzer Zeit vorbildich in unseren Garten integriert: Runner Ducks Welcome!
Die Molluskeninvasion - was habe ich nicht alles unternommen, um ihr beizukommen! Jedes Frühjahr, wenn sie aus ihren Schlupflöchern krochen, um sich, widerliche Schleimspuren zurücklassend, über Salat, Kohlrabi, Tomaten, Paprika, Zucchini und andere zarte Jungpflanzen herzumachen, war ich Abend für Abend zur Stelle. Mit Gummihandschuhen und Stirnlampe bewaffnet habe ich sie schüsselweise aufgeklaubt und auf vielfältige Weise entsorgt: durch Zerschneiden, Verbrühen, Zertreten, Ertränken, Salzen. Irgendwann war mir all das der Mühe zuviel, und ich habe die Viecher nur mehr in verschraubbare Gläser geworfen und diese tagsüber in der Sonne garen lassen. Den ekelhaften Sud, der sich nach Tagen und Wochen in diesen Gläsern ansammelte, habe ich zum Düngen unter die Sträucher geschüttet.
Dann überkam mich Reue angesichts meiner Fühllosigkeit gegenüber dem Schneckenleid. Aus einem Buch lernte ich, dass auch diese ungeliebten Geschöpfe im großen ökologischen Ganzen ihre Aufgabe haben. Angeblich helfen sie dabei, krankes und welkes Pflanzenmaterial wegzuschaffen. Also habe ich sie nicht mehr getötet, sondern nur noch aufgesammelt und in den Bach geworfen, wo sie - so redete ich mir ein - zumindest eine Überlebenschance hatten. Flankierend habe ich versucht die empfindlichsten Pflanzungen in meinem Garten zu schützen, durch Wälle aus Rindenmulch, Eierschalen, Schafwolle und schließlich, als das nicht fruchtete, mit Eisen(III)-Phosphat, vulgo Schneckenkorn. Alles umsonst. Fingerdicke Paprikastengel wurden förmlich gefällt, faustgroße Tomaten komplett ausgehöhlt, ganze Zucchinipflanzen verschwanden über Nacht, Früchte, Blätter, einfach alles.
Nun habe ich den Kampf gegen die Schneckenplage ausgelagert. Seit Ostern kümmern sich "Tina" und "Alex" um das Problem:
Tina legt außerdem jede Nacht ein Ei, das in unseren Kühlschrank wandert, und dann düngen beide auch oft und reichlich unsere Beete. Mit anderen Worten, die zwei haben sich binnen kurzer Zeit vorbildich in unseren Garten integriert: Runner Ducks Welcome!
Freitag, 11. Dezember 2015
Auf der Rückseite der Pyramide
Ein Samstagnachmittag Anfang Dezember. Durch einen glücklichen Zufall waren beide Kinder abgängig, die Tochter auf einer Geburtstagsparty, der Sohn bei einem Freund. Drei Stunden seltener Freiheit zu zweit, die meine Frau und ich weidlich nutzen wollten, das heißt zum Streiten. Der Streit lag schon seit Tagen in der Luft. Tagsüber kommt man ja selten dazu, sich die Meinung zu sagen, und abends ist man in der Regel zu müde. Außerdem fetzt es sich an der frischen Luft besser. Zumindest die Fenster sollten offen sein, dann haben die Nachbarn auch etwas davon. Aber lieber tun wir es gleich in Gottes freier Natur, am allerliebsten während eines Spaziergangs.
Und so lenkten wir unsere Schritte, nachdem wir den Sohn beim Freund abgeliefert hatten, aus dem Ort und ließen unsere erzürnten Stimmen über die spätherbstlich kahlen Felder hallen. In unseren Disput vertieft, gaben wir wenig acht, wohin wir gingen, stapften über einen jener langen Rücken, die sich vom Kreutwald sanft ins Tal des Rußbaches hinabziehen, bogen einmal rechts, einmal links ab und dann wieder rechts auf einen Weg, der in ein Seitental führte. Ein nordisch walkendes Paar kam uns entgegen, sonst keine Menschenseele weit und breit. Nur die zotteligen Schafe, die hier weideten, wurden Zeugen unserer Auseinandersetzung, die aber da schon auf ihr versöhnliches Ende zuging. Wir vertrugen uns - unabsichtlich, aber sinnigerweise - bei einem Steinhaufen am Wegesrand, den der Volksmund "Friedenspyramide" nennt.
Jenseits des Haufens begann für uns Neuland. Steil ging es einen lehmigen Forstweg hinab, wir querten einen Holzplatz und fanden hinter den Stößen einen verwachsenen Pfad, der in Windungen das immer enger werdende Tal hinaufführte. Diesem folgten wir mit abenteuerlichem Herzen in die Abenddämmerung hinein, die in den Wald einsickerte wie eine trübe Flüssigkeit. Eine rötliche Färbung am Himmel wies uns die Richtung. Immer steiler hinauf wand sich der Pfad, flachte schließlich ab und mündete, wie wir schon ahnten, in die Ackerfluren des Mühlratzberges. Über dessen Hochebene führt eine Straße, die wir schon oft befahren hatten, aber wie anders und fremd mutete dieser Landstrich nun an! Seine bescheidenen Konturen - Bodenwellen, Bäume, in der Ferne ein Kirchturm - verschwammen stufenweise im Abendnebel. In allem lag ein warmes Leuchten, das die untergegangene Sonne hinterlassen hatte. Es war fast windstill, vereinzelte Geräusche eines bellenden Hundes oder vorüberfahrender Autos klangen herüber und bekräftigten nur den tiefen Frieden, den die Welt zu dieser Stunde verströmte.
Und so lenkten wir unsere Schritte, nachdem wir den Sohn beim Freund abgeliefert hatten, aus dem Ort und ließen unsere erzürnten Stimmen über die spätherbstlich kahlen Felder hallen. In unseren Disput vertieft, gaben wir wenig acht, wohin wir gingen, stapften über einen jener langen Rücken, die sich vom Kreutwald sanft ins Tal des Rußbaches hinabziehen, bogen einmal rechts, einmal links ab und dann wieder rechts auf einen Weg, der in ein Seitental führte. Ein nordisch walkendes Paar kam uns entgegen, sonst keine Menschenseele weit und breit. Nur die zotteligen Schafe, die hier weideten, wurden Zeugen unserer Auseinandersetzung, die aber da schon auf ihr versöhnliches Ende zuging. Wir vertrugen uns - unabsichtlich, aber sinnigerweise - bei einem Steinhaufen am Wegesrand, den der Volksmund "Friedenspyramide" nennt.
Jenseits des Haufens begann für uns Neuland. Steil ging es einen lehmigen Forstweg hinab, wir querten einen Holzplatz und fanden hinter den Stößen einen verwachsenen Pfad, der in Windungen das immer enger werdende Tal hinaufführte. Diesem folgten wir mit abenteuerlichem Herzen in die Abenddämmerung hinein, die in den Wald einsickerte wie eine trübe Flüssigkeit. Eine rötliche Färbung am Himmel wies uns die Richtung. Immer steiler hinauf wand sich der Pfad, flachte schließlich ab und mündete, wie wir schon ahnten, in die Ackerfluren des Mühlratzberges. Über dessen Hochebene führt eine Straße, die wir schon oft befahren hatten, aber wie anders und fremd mutete dieser Landstrich nun an! Seine bescheidenen Konturen - Bodenwellen, Bäume, in der Ferne ein Kirchturm - verschwammen stufenweise im Abendnebel. In allem lag ein warmes Leuchten, das die untergegangene Sonne hinterlassen hatte. Es war fast windstill, vereinzelte Geräusche eines bellenden Hundes oder vorüberfahrender Autos klangen herüber und bekräftigten nur den tiefen Frieden, den die Welt zu dieser Stunde verströmte.
Dienstag, 24. November 2015
Opa war kein Bazi
Nicht nur den Schleinbacher Kindergarten zieren Herrscherporträts, auch auf dem Hauptplatz ist ein Landesvater im Bilde verewigt, einer jedoch, der schon lange das Zeitliche gesegnet hat. Von keinem geringeren als Franz Joseph I. ist die Rede, Kaiser von Österreich und König von Ungarn, dem die Gemeinde und der Verschönerungsverein Schleinbach anno 1908 eine Büste errichtet haben.
Man sieht der Büste an, dass der Kaiser damals schon sechzig Regierungsjahre auf dem Buckel hatte. Müde schaut er unter schweren Lidern hervor, die Haare sind ihm ausgefallen, wohl vor lauter Sorgen, die ihm seine Völker und Anverwandten über die Jahrzehnte bereiteten. Doch sein Backenbart steht noch schneidig und demonstriert mit der ordensgeschmückten Brust ungebrochenen Herrschaftswillen. So sieht der alte Franz Joseph würdevoll, wenn auch etwas grünspänig und griesgrämig, von seinem hohen Sockel auf die vorbeifahrenden Autos herab oder in die leeren Fenster des ehemaligen Kaufladens vis à vis. Genau weiß man das nicht. Zwischen Sockel und Büste tut sich ein Spalt auf, der sich nach links vergrößert, so dass der Kaiser sich in leichter Schieflage befindet.
Viele, ich eingeschlossen, neigen ja dazu, den vorletzten Kaiser aus dem Hause Habsburg mit einer gewissen Milde zu beurteilen. Das mag am hohen Alter liegen, mit dem er in die Gruft gestiegen ist, oder am Vergleich zu anderen Potentaten seiner Zeit, wie etwa seinem verhinderten Thronfolger Franz Ferdinand, der ein ganz schlimmer Ungustl war, oder auch zu seinem einstmaligen Kontrahenten Bismarck. Von dem gab es in Bielefeld ein Denkmal, in dem Park, wo wir als Gymnasiasten unsere Pausen verbrachten: Massig und überlebensgroß, mit Pickelhaube und grimmigem Blick stand der "Eiserne Kanzler" im Gebüsch, und man sah ihm an, dass er seinen bronzenen Säbel am liebsten gezückt hätte, um uns Rotzlöffeln eine ordentliche Tracht Prügel zu verabreichen. Im Vergleich dazu mutet der Schleinbacher Franz Joseph geradezu großväterlich lieb an.
Kürzlich jedoch bekam ich Gelegenheit, die neue Biographie dieses Kaisers zu lesen, die Michaela und Karl Vocelka geschrieben haben, und da erfuhr ich, dass der nette Opa in seiner Jugend von ganz anderem Schlage war. Um seine Herrschaft und die seines Hauses zu retten, die nach der Revolution von 1848 bedroht schien, war ihm jedes Mittel recht. Die Revolution in Wien ließ er ebenso im Blut ertränken wie die Aufstände in Ungarn und Italien. Circa 55 000 Ungarn ließen damals ihr Leben, mehr als 200 Todesurteile wurden in seinem Namen vollstreckt, "1 765 Menschen kamen in den Kerker oder wurden öffentlich ausgepeitscht, unter ihnen auch nackte Frauen ..." Schwer vorstellbar, dass der würdige Greis, dessen Büste den Schleinbacher Hauptplatz verschönert, mit diesen Greueln etwas zu tun hatte, ja, dass er sie verantwortete. Das muss in einer anderen Zeit gewesen sein, wenn nicht in einer anderen Welt.
Man sieht der Büste an, dass der Kaiser damals schon sechzig Regierungsjahre auf dem Buckel hatte. Müde schaut er unter schweren Lidern hervor, die Haare sind ihm ausgefallen, wohl vor lauter Sorgen, die ihm seine Völker und Anverwandten über die Jahrzehnte bereiteten. Doch sein Backenbart steht noch schneidig und demonstriert mit der ordensgeschmückten Brust ungebrochenen Herrschaftswillen. So sieht der alte Franz Joseph würdevoll, wenn auch etwas grünspänig und griesgrämig, von seinem hohen Sockel auf die vorbeifahrenden Autos herab oder in die leeren Fenster des ehemaligen Kaufladens vis à vis. Genau weiß man das nicht. Zwischen Sockel und Büste tut sich ein Spalt auf, der sich nach links vergrößert, so dass der Kaiser sich in leichter Schieflage befindet.
Viele, ich eingeschlossen, neigen ja dazu, den vorletzten Kaiser aus dem Hause Habsburg mit einer gewissen Milde zu beurteilen. Das mag am hohen Alter liegen, mit dem er in die Gruft gestiegen ist, oder am Vergleich zu anderen Potentaten seiner Zeit, wie etwa seinem verhinderten Thronfolger Franz Ferdinand, der ein ganz schlimmer Ungustl war, oder auch zu seinem einstmaligen Kontrahenten Bismarck. Von dem gab es in Bielefeld ein Denkmal, in dem Park, wo wir als Gymnasiasten unsere Pausen verbrachten: Massig und überlebensgroß, mit Pickelhaube und grimmigem Blick stand der "Eiserne Kanzler" im Gebüsch, und man sah ihm an, dass er seinen bronzenen Säbel am liebsten gezückt hätte, um uns Rotzlöffeln eine ordentliche Tracht Prügel zu verabreichen. Im Vergleich dazu mutet der Schleinbacher Franz Joseph geradezu großväterlich lieb an.
Kürzlich jedoch bekam ich Gelegenheit, die neue Biographie dieses Kaisers zu lesen, die Michaela und Karl Vocelka geschrieben haben, und da erfuhr ich, dass der nette Opa in seiner Jugend von ganz anderem Schlage war. Um seine Herrschaft und die seines Hauses zu retten, die nach der Revolution von 1848 bedroht schien, war ihm jedes Mittel recht. Die Revolution in Wien ließ er ebenso im Blut ertränken wie die Aufstände in Ungarn und Italien. Circa 55 000 Ungarn ließen damals ihr Leben, mehr als 200 Todesurteile wurden in seinem Namen vollstreckt, "1 765 Menschen kamen in den Kerker oder wurden öffentlich ausgepeitscht, unter ihnen auch nackte Frauen ..." Schwer vorstellbar, dass der würdige Greis, dessen Büste den Schleinbacher Hauptplatz verschönert, mit diesen Greueln etwas zu tun hatte, ja, dass er sie verantwortete. Das muss in einer anderen Zeit gewesen sein, wenn nicht in einer anderen Welt.
Sonntag, 15. November 2015
Täglich grüßt der Oberindianer
Kürzlich hat mich ein alter Freund besucht, den ich viele Jahre nicht gesehen hatte. Er zeigte sich sehr erfreut über meine Lebensumstände. Das Haus fand er annehmlich, den Garten nett verwildert und die Kinder wohlgeraten. Auch unsere dörfliche Umgebung scheint es ihm angetan zu haben, wenn sie ihm, der seit vielen Jahren in einer größeren ostdeutschen Stadt lebt, auch merkwürdig still vorkam, ja geradezu geisterhaft. Dieser Eindruck kann durchaus entstehen, wenn man an einem Vormittag unter der Woche durchs Dorf spaziert, während die Pendler außer Haus und die Kinder in der Schule sind und oft nicht mal ein Rasenmäher den ländlichen Frieden stört. Wenn man den Spaziergang dann noch ausdehnt in den angrenzenden Wald, der im Herbstlicht wie mit Gold durchwirkt erscheint, kann sich sogar das Gefühl einstellen, in einer anderen Welt zu weilen, den Zeiten enthoben.
Weil mein Freund uns für mehrere Tage beehrte, durfte er sich zwangsläufig auch in unseren Alltag integrieren, das heißt etwa den Kindern vorlesen, im Hort Laternen für den Umzug basteln helfen oder uns auf einem Besuch bei den syrischen Flüchtlingen begleiten. Er ging mit, als ich unseren Sohn vom Kindergarten abholte, und äußerte sich auch dort lobend, wie hell, sauber und freundlich alles sei. Eines aber befremdete ihn, oder genauer gesagt zwei Dinge: nämlich die Porträtfotos im Eingangsbereich. Mir fallen sie gar nicht mehr auf, so sehr habe ich mich an die beiden Bilder gewöhnt.
Wer das denn sei, wollte mein Freund wissen, und ich erklärte ihm, dass es sich bei den Herren auf den Fotos um den Präsidenten der Republik und unseren Landeshauptmann handelt. In Anzug und Krawatte, der eine mehr gestrenge, der andere etwas freundlicher dreinschauend, ruht ihr väterlicher Blick tagtäglich auf allen, die diese Kinderbetreuungseinrichtung betreten. Und nicht nur diese, denn auch in der Volksschule hängen ihre Porträts, und ich vermute, in den anderen Kindergärten und Schulen des Landes ebenso.
Als ich die Fotos nun mit den Augen meines Freundes ansah, fand ich sie auch befremdlich. Wir waren seinerzeit groß geworden, ohne die Bilder unserer bundesdeutschen Landesväter täglich vor Augen gehabt zu haben. Sowas kannte man nur aus Ostdeutschland, aus der DDR, wo das Konterfei Erich Honeckers allgegenwärtig war. Die DDR ist vor mehr als einem Vierteljahrhundert untergegangen. Aber womöglich, dachte ich, leben wir hier in einer anderen Welt, den Zeiten enthoben.
Weil mein Freund uns für mehrere Tage beehrte, durfte er sich zwangsläufig auch in unseren Alltag integrieren, das heißt etwa den Kindern vorlesen, im Hort Laternen für den Umzug basteln helfen oder uns auf einem Besuch bei den syrischen Flüchtlingen begleiten. Er ging mit, als ich unseren Sohn vom Kindergarten abholte, und äußerte sich auch dort lobend, wie hell, sauber und freundlich alles sei. Eines aber befremdete ihn, oder genauer gesagt zwei Dinge: nämlich die Porträtfotos im Eingangsbereich. Mir fallen sie gar nicht mehr auf, so sehr habe ich mich an die beiden Bilder gewöhnt.
Wer das denn sei, wollte mein Freund wissen, und ich erklärte ihm, dass es sich bei den Herren auf den Fotos um den Präsidenten der Republik und unseren Landeshauptmann handelt. In Anzug und Krawatte, der eine mehr gestrenge, der andere etwas freundlicher dreinschauend, ruht ihr väterlicher Blick tagtäglich auf allen, die diese Kinderbetreuungseinrichtung betreten. Und nicht nur diese, denn auch in der Volksschule hängen ihre Porträts, und ich vermute, in den anderen Kindergärten und Schulen des Landes ebenso.
Als ich die Fotos nun mit den Augen meines Freundes ansah, fand ich sie auch befremdlich. Wir waren seinerzeit groß geworden, ohne die Bilder unserer bundesdeutschen Landesväter täglich vor Augen gehabt zu haben. Sowas kannte man nur aus Ostdeutschland, aus der DDR, wo das Konterfei Erich Honeckers allgegenwärtig war. Die DDR ist vor mehr als einem Vierteljahrhundert untergegangen. Aber womöglich, dachte ich, leben wir hier in einer anderen Welt, den Zeiten enthoben.
Montag, 2. November 2015
Martin Luther aß keinen Kürbis
Heute habe ich einen Kürbis entsorgt, der zwei Wochen lang von unserer Türschwelle Besuchern entgegengegrinst hatte, anfangs noch als lustiges Halloween-Gesicht mit großen Augen, Nase und Zackenmund, doch die Verwesung hatte den orangen Strahlemann erschreckend rasch in eine Fratze des Todes verwandelt, in ein Memento mori, wie kein Künstler des Barock es sich schauriger hätte ausmalen können. Das eben noch leuchtende Fruchtfleisch starrte schwarz aus dem eingefallenen Maul, die Schale verschrumpelt und mit grünlichen Flecken übersät, und die einst pralle Rundung war zu einem formlosen Haufen zusammengesunken, in dem ein Friedhofslicht verzweifelt gegen den Erstickungstod anflackerte. In diesem letalen Zustand dürfte unser Kürbis auch die Kindergrüppchen empfangen haben, die jeden Vorabend von Allerheiligen in gruseliger Gewandung und makabrer Maskerade durchs Dorf ziehen und an den Türen - unter Androhung von Saurem - nach Süßem verlangen.
Als ich nach Schleinbach zog, war mir dieser Brauch noch unbekannt gewesen. Wohl hatte es im Ostwestfalen meiner Kindheit etwas Ähnliches gegeben: das Martinssingen, bei dem ebenfalls Minderjährige in Kleingruppen von Haus zu Haus zogen und, Lieder intonierend, den Bewohnern Plastiktüten hinhielten, auf dass sie diese mit Süßigkeiten füllten. Die Lieder priesen den protestantischen Propheten Martin Luther, und ich erinnere mich, dass ich als Angehöriger der katholischen Diaspora hin und her gerissen war zwischen meinem tradierten Glauben und dem Wunsch, eine Tüte voll süßer Sachen heimzutragen. Ein bisschen beneidete ich die Kinder unserer türkischen Mitbürger, die, offenbar unangekränkelt von solchen Skrupeln, dem Schwan von Wittenberg aus voller Brust den Lobpreis sangen.
Unsere Kinder von heute haben es da einfacher. Der Slogan "Süßes oder Saures" sollte mit jeder Konfession kompatibel sein. Zwar gibt es in unserem Dorf welche, die nicht Halloween gehen dürfen - weil das "kein Brauch von uns" ist, wie mir ein Vater erklärte, sondern ein aus Übersee importierter -, aber das scheint eine verschwindende Minderheit zu sein. Auch in diesem Jahr zu "All Hallows' Eve" sah man wieder Scharen von Gespenstern, Hexen, Zombies und anderem Gelichter auf den Gehsteigen, bleich geschminkt und mit prall gefüllten Sackerln. Ich hoffe nur, sie haben sich nicht allzu sehr vor unserem verschimmelten Kürbis gegraust.
Als ich nach Schleinbach zog, war mir dieser Brauch noch unbekannt gewesen. Wohl hatte es im Ostwestfalen meiner Kindheit etwas Ähnliches gegeben: das Martinssingen, bei dem ebenfalls Minderjährige in Kleingruppen von Haus zu Haus zogen und, Lieder intonierend, den Bewohnern Plastiktüten hinhielten, auf dass sie diese mit Süßigkeiten füllten. Die Lieder priesen den protestantischen Propheten Martin Luther, und ich erinnere mich, dass ich als Angehöriger der katholischen Diaspora hin und her gerissen war zwischen meinem tradierten Glauben und dem Wunsch, eine Tüte voll süßer Sachen heimzutragen. Ein bisschen beneidete ich die Kinder unserer türkischen Mitbürger, die, offenbar unangekränkelt von solchen Skrupeln, dem Schwan von Wittenberg aus voller Brust den Lobpreis sangen.
Unsere Kinder von heute haben es da einfacher. Der Slogan "Süßes oder Saures" sollte mit jeder Konfession kompatibel sein. Zwar gibt es in unserem Dorf welche, die nicht Halloween gehen dürfen - weil das "kein Brauch von uns" ist, wie mir ein Vater erklärte, sondern ein aus Übersee importierter -, aber das scheint eine verschwindende Minderheit zu sein. Auch in diesem Jahr zu "All Hallows' Eve" sah man wieder Scharen von Gespenstern, Hexen, Zombies und anderem Gelichter auf den Gehsteigen, bleich geschminkt und mit prall gefüllten Sackerln. Ich hoffe nur, sie haben sich nicht allzu sehr vor unserem verschimmelten Kürbis gegraust.
Mittwoch, 21. Oktober 2015
Main Heimat Kult
Die Historisierung der Neunziger ist ja längst in vollem Gang: 20 Jahre Tod von Kurt Cobain, 25 Jahre deutsche Einheit ... Auch das Schengener Abkommen, das 1995 in Kraft trat, ist vielleicht schon wieder Geschichte. So zumindest schien es mir, als ich vor kurzem mit dem Zug von Österreich nach Deutschland reiste und im Grenzbahnhof Passau von einer barschen Polizistenstimme aufgefordert wurde, meinen "Passport" herzuzeigen. Eine passende Episode für eine Reise in die Vergangenheit, denn auf einer solchen befand ich mich. Sie sollte mich nach Würzburg führen, wo ich Anfang der Neunziger meinen Zivildienst - auch so eine Institution, die inzwischen Geschichte ist - abgeleistet hatte und in der Folge für wenige Jahre heimisch geworden war. Ein Kollege von damals hatte mich und einen weiteren Freund eingeladen zu einer Art Seminar in Sachen Selbsthistorisierung. Zu dritt wollten wir am Main entlang, durch die Weinberge in die unterfränkische Metropole pilgern und die Stätte unseres zivilen Dienstes wieder aufsuchen: die Missionsärztliche Klinik, kurz "Missio". Freund 1 hatte auf der Chirurgie, Freund 2 auf der Inneren und ich auf der Urologie gearbeitet.
Als wir nach achtstündiger Wanderung am Samstagabend, schon nach Anbruch der Dämmerung, durch die menschenleeren Flure der Stationen schlichen, auf denen wir 15 Monate lang Betten gemacht, Patienten gewaschen, Katheterbeutel geleert und Einläufe verabreicht hatten, fühlte ich mich unbehaglich, wie jemand, der hier nichts zu suchen hatte, nicht einmal Erinnerungen. Das Gebäude war gründlich umgebaut worden. Von den Tafeln, auf denen Ärzte und Pflegerinnen sich vorstellten, lächelten fremde Gesichter. Nur bei ein, zwei Namen auf Türschildern klingelte es leise im Unterbewussten. Nachdem wir der Missio - ich hatte das Gefühl, zum allerletzten Mal - den Rücken gekehrt hatten, besichtigten wir noch das Wohnheim, in dem wir untergebracht gewesen waren, einen Fünfziger Jahre-Bau mit Treppenhaus am Eck in reizvoller Rundverglasung. Hier waren wir explizit unwillkommen: Ein Sozialarbeiter wies uns die Tür. Das Haus roch innen nach Totalsanierung, war noch halb Baustelle. Wo einst Studenten und Zivis Tür an Tür gelebt hatten, wohnten jetzt "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge".
Später am Abend kam er dann doch noch, der Moment des Ankommens, wo ich mich in der ehemaligen Wahlheimat wieder zuhause fühlte. Wir saßen im "Kult", jeder ein Bier vor sich. Der Laden hatte sich kaum verändert, das Publikum war dasselbe geblieben, obwohl es mir jünger vorkam als vordem. Und plötzlich erkannte ich durch den Kneipenlärm den Song, der aus den Boxen schallte. Nicht etwa einen von Kurt Cobain, sondern von der altdeutschen Punkband Slime: "Ihr seid nichts als linke Spießer, eigentlich wart ihr das schon immer ..."
Als wir nach achtstündiger Wanderung am Samstagabend, schon nach Anbruch der Dämmerung, durch die menschenleeren Flure der Stationen schlichen, auf denen wir 15 Monate lang Betten gemacht, Patienten gewaschen, Katheterbeutel geleert und Einläufe verabreicht hatten, fühlte ich mich unbehaglich, wie jemand, der hier nichts zu suchen hatte, nicht einmal Erinnerungen. Das Gebäude war gründlich umgebaut worden. Von den Tafeln, auf denen Ärzte und Pflegerinnen sich vorstellten, lächelten fremde Gesichter. Nur bei ein, zwei Namen auf Türschildern klingelte es leise im Unterbewussten. Nachdem wir der Missio - ich hatte das Gefühl, zum allerletzten Mal - den Rücken gekehrt hatten, besichtigten wir noch das Wohnheim, in dem wir untergebracht gewesen waren, einen Fünfziger Jahre-Bau mit Treppenhaus am Eck in reizvoller Rundverglasung. Hier waren wir explizit unwillkommen: Ein Sozialarbeiter wies uns die Tür. Das Haus roch innen nach Totalsanierung, war noch halb Baustelle. Wo einst Studenten und Zivis Tür an Tür gelebt hatten, wohnten jetzt "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge".
Später am Abend kam er dann doch noch, der Moment des Ankommens, wo ich mich in der ehemaligen Wahlheimat wieder zuhause fühlte. Wir saßen im "Kult", jeder ein Bier vor sich. Der Laden hatte sich kaum verändert, das Publikum war dasselbe geblieben, obwohl es mir jünger vorkam als vordem. Und plötzlich erkannte ich durch den Kneipenlärm den Song, der aus den Boxen schallte. Nicht etwa einen von Kurt Cobain, sondern von der altdeutschen Punkband Slime: "Ihr seid nichts als linke Spießer, eigentlich wart ihr das schon immer ..."
Samstag, 17. Oktober 2015
Nur was gleich bleibt, schaut auch was gleich
Zu den schönsten Seiten des Landlebens gehört zweifellos die Arbeit im Gemüsegarten. Auch wir haben auf unserem Grundstück einen solchen angelegt, wo wir von Äpfeln bis Zucchini allerlei anbauen. Irgendwann genügten mir die Erträge jedoch nicht mehr und ich wandte mich an einen Bekannten, seines Zeichens der letzte Vollerwerbsbauer unseres Dorfes und ein netter Kerl: ob er nicht einen kleinen Acker in Ortsnähe wisse, den ich kaufen oder pachten könnte?
Der Bauer meinte nach kurzem Nachdenken, ja, er hätte da einen Fleck von vier oder fünf Ar, also grad das Richtige für mich, zudem nur einen Katzensprung von unserem Haus entfernt. Er habe diesen Grund seit je von einer alten Frau gepachtet, sei es aber leid, ihn zu beackern, weil der Traktor kaum darauf wenden könne, er würde daher die Eigentümerin fragen, ob sie ihn mir verpachte. Diese Frau sei aber etwas eigen, fügte er hinzu, in ihrem Haus sehe es aus wie vor hundert Jahren und sie lebe allein und abgeschieden.
Sogleich wusste ich, wen er meinte. Ab und an sah man sie auf der Straße, eine kleine Frau, auf einem klapprigen Damenrad zur Kirche fahrend oder eine altertümliche hölzerne Schubkarre voll Heu schiebend, den Kopf stets in ein Tuch gehüllt. Es wäre mir nie eingefallen, mit ihr ins Geschäft zu kommen, aber ich hoffte auf meinen Bekannten, der einer alteingesessenen Familie entstammte - und prompt Erfolg vermeldete.
Tags darauf traf ich die Frau zufällig auf der Straße und stellte mich als ihren zukünftigen Pächter vor. Sie aber schaute gequält zu mir auf, druckste herum, sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen, denn im Grunde sei ihr das alles gar nicht recht. Ich fiel aus allen Wolken. Aber wieso denn? - Nun, ich sei ein Fremder, wer könne denn wissen, ob ich nicht nächstes Jahr wieder fort sei? Außerdem bräuchte ich gar keinen Acker, gewiss sei ich damit überfordert.
Ich versuchte, ihre Einwände zu entkräften, indem ich erklärte, wir hätten uns hier häuslich niedergelassen, kehrte meine jahrelange Erfahrung im Gemüseanbau heraus, bot ihr mehr Geld an, und als auch das nicht half, argumentierte ich, sie würde überhaupt nichts riskieren, denn selbst wenn ich nichts Gescheites zustandebrächte oder mich gar vom Acker machte, könne sie ihn doch jederzeit wieder dem Bauer geben ...
Die alte Frau sah mich flehend an, ich möchte ihr bitte nicht bös sein, aber sie traue nun einmal keinem Fremden. Es seien eh schon so viele Fremde im Ort, nichts sei mehr wie früher. Da begriff ich: Wenigstens ihr kleines Feld sollte bleiben, wie es ist, denn - erklärte sie mir - "so schaut es immerhin was gleich".
Der Bauer meinte nach kurzem Nachdenken, ja, er hätte da einen Fleck von vier oder fünf Ar, also grad das Richtige für mich, zudem nur einen Katzensprung von unserem Haus entfernt. Er habe diesen Grund seit je von einer alten Frau gepachtet, sei es aber leid, ihn zu beackern, weil der Traktor kaum darauf wenden könne, er würde daher die Eigentümerin fragen, ob sie ihn mir verpachte. Diese Frau sei aber etwas eigen, fügte er hinzu, in ihrem Haus sehe es aus wie vor hundert Jahren und sie lebe allein und abgeschieden.
Sogleich wusste ich, wen er meinte. Ab und an sah man sie auf der Straße, eine kleine Frau, auf einem klapprigen Damenrad zur Kirche fahrend oder eine altertümliche hölzerne Schubkarre voll Heu schiebend, den Kopf stets in ein Tuch gehüllt. Es wäre mir nie eingefallen, mit ihr ins Geschäft zu kommen, aber ich hoffte auf meinen Bekannten, der einer alteingesessenen Familie entstammte - und prompt Erfolg vermeldete.
Tags darauf traf ich die Frau zufällig auf der Straße und stellte mich als ihren zukünftigen Pächter vor. Sie aber schaute gequält zu mir auf, druckste herum, sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen, denn im Grunde sei ihr das alles gar nicht recht. Ich fiel aus allen Wolken. Aber wieso denn? - Nun, ich sei ein Fremder, wer könne denn wissen, ob ich nicht nächstes Jahr wieder fort sei? Außerdem bräuchte ich gar keinen Acker, gewiss sei ich damit überfordert.
Ich versuchte, ihre Einwände zu entkräften, indem ich erklärte, wir hätten uns hier häuslich niedergelassen, kehrte meine jahrelange Erfahrung im Gemüseanbau heraus, bot ihr mehr Geld an, und als auch das nicht half, argumentierte ich, sie würde überhaupt nichts riskieren, denn selbst wenn ich nichts Gescheites zustandebrächte oder mich gar vom Acker machte, könne sie ihn doch jederzeit wieder dem Bauer geben ...
Die alte Frau sah mich flehend an, ich möchte ihr bitte nicht bös sein, aber sie traue nun einmal keinem Fremden. Es seien eh schon so viele Fremde im Ort, nichts sei mehr wie früher. Da begriff ich: Wenigstens ihr kleines Feld sollte bleiben, wie es ist, denn - erklärte sie mir - "so schaut es immerhin was gleich".
Dienstag, 6. Oktober 2015
Flieger, grüß mir die Sonne
Gleich in der Früh, das Sechs-Uhr-Läuten war kaum verklungen, kam das erste Flugzeug des Tages. Der Düsenlärm drang durch den Spalt des geöffneten Fensters ins Schlafzimmer, machte sich dort breit, schwoll rasch an zu einem Dröhnen, einem Heulen, das einen Moment lang die Welt erfüllte und sich dann langsam entfernte, langsam, das heißt nicht schnell genug, um der Stille wieder Raum zu geben, denn die nächste Maschine war bereits lautstark im Anflug. Von da an folgte eine der anderen, wie Welle auf Welle an ein Gestade brandet, und wir wussten, heute weht der Wind aus Südosten. Nur bei Südostwind fliegen sie den Flughafen Schwechat, der mehr als eine Autostunde entfernt auf der anderen Seite der Hauptstadt liegt, über unseren Ort hinweg an und liegen da bereits so niedrig in der Luft, dass man vom Boden aus mit bloßem Auge ihre Fahrwerke erkennen kann. Vorausgesetzt, die Luft ist klar, was sie heute vermutlich nicht sein würde - auch das konnten wir, ohne aus dem noch verhangenen Fenster zu schauen, allein dem Fluglärm abhören, weil der lauter schien als sonst: ein Indiz für hohe Luftfeuchtigkeit und damit für den Nebel, der sich im Herbst irgendwann so zäh über dieses Land legt, dass er sich wochenlang nicht hebt. Die ersten Herbstnebel sind noch zart und mild, Weichzeichner der Landschaft, sind bloß Vorboten, die sich schon am Vormittag höflich zurückziehen angesichts einer immer noch mächtigen Sonne. Doch inzwischen leben wir lange genug hier, um zu wissen, dass die Sonne über kurz oder lang vor dem Nebel kapitulieren wird. Sie steigt dann nicht mehr hoch genug, die Lufttemperaturen sind zu niedrig, die Tage zu kurz, und der Nebel bleibt über den ganzen Tag, den nächsten auch und den nächsten, Tag für Tag Nebel, der sich grau und schwer auf das Land legt. Die, die immer schon hier leben, zucken mit den Achseln und sagen, das Graue mache ihnen nichts aus, das sei eben so. Doch mich, der ich im regnerischen Nordwestdeutschland aufgewachsen und vom Wetter weiß Gott nicht verwöhnt bin, mich macht der Nebel schwermutig und traurig, ich sehne mich nach Sonne oder wenigstens nach Sturm oder Regen - nach atmosphärischer Abwechslung. Und meine Gedanken ziehen mit den unsichtbaren, unüberhörbaren Aluminiumvögeln, die irgendwo da oben, dem Dunst enthoben, sonnigeren Gefilden entgegenfliehen.
Freitag, 2. Oktober 2015
Ohne Steireranzug bist bloßhapat
Mit uns Zug'rasten ist es ja entweder so oder so. Entweder wir wollen uns gar nicht integrieren, sondern möglichst unter uns bleiben. Oder wir gehören zu den Ehrgeizlingen, den Strebern, die einheimischer als die Einheimischen sein wollen. Ich gehöre tendenziell eher zur zweiten Kategorie, wobei ich schon bald nach meiner Niederlassung in Schleinbach einsehen musste, dass Natur und Partnerwahl meinem Anpassungsstreben unüberwindliche Grenzen gezogen hatten. Schon allein wegen der Sprache. So sehr ich mich auch bemühe, die regionale Phonetik nachzuahmen, mit meiner potscherten Zunge kommt nix G'scheits dabei herum. Sobald ich die Goschn aufsperre, hört jeder sofort den Piefke. Meiner Frau ist das jedesmal urpeinlich. Genauso wie sie kategorisch dagegen ist, dass ich mir einen Steireranzug kaufe. Als ich es einmal erwog, erklärte sie umstandlos, so ein Anzug sei ein Scheidungsgrund. Vielleicht hat sie recht, nicht nur vom ästhetischen Standpunkt her, sondern auch wegen der Gefahr gesellschaftlicher Missverständnisse. Ist doch der Steireranzug - oder genauer gesagt seine niederösterreichische Variante - die Berufskleidung der Landespolitiker und somit eines Standes, dem ich augenscheinlich nicht angehöre und wohl auch niemals angehören werde, allein schon deshalb, weil ich in der wärmeren Jahreszeit gern auf Schuhwerk verzichte und bloßhapat durchs Dorf gehe. Begonnen hatte ich damit auf Anraten unserer Ärztin, die meinte, der Spreiz-Senk-Fuß meines damals dreijährigen Sohnes wäre auf diesem Wege kostenneutral zu kurieren, und als der Bui sich zierte, glaubte der Vater mit gutem Beispiel, also barfüßig, vorangehen zu müssen. Bald fanden meine Füße solches Vergnügen daran, dass sie nur noch selten in Schuhen das Haus verließen. Hätte ich gewusst, wieviel Aufsehen ich damit in unserem Ort errege, ich hätte sie schon viel früher ausgezogen! Denn wenig hat mehr zu meiner Integration beigetragen als meine nackerten Haxen. Einen Sommer lang boten sie reichlichen Gesprächsstoff. Sogar Leute, die ich bis dahin nicht gekannt hatte, redeten mich auf der Straße an, um ihr Befremden kundzutun, das aber oft eine große Portion Respekt vor meiner Hornhaut enthielt, wie sie mir wohl kaum je ein Steireranzug verschafft hätte. Außerdem wer weiß, sonst hätte ich vielleicht niemals das schöne Wort "bloßhapat" gelernt.
Mittwoch, 23. September 2015
Frösche am Nordpol
Schl-e-i-n-bach, mit Emil, Ida, Nordpol in der Mitte. Ein Ort in Niederösterreich, von Wien vierzig Minuten mit der Schnellbahn nach Norden. Gut 1000 Einwohner der Species Homo sapiens hausen hier, dazu etliche Vierbeiner und anderes kreuchendes und fleuchendes Getier, zum Beispiel Frösche. Frösche, oder vielmehr ihre Gesänge, sind für mich mit Schleinbach untrennbar verbunden. Das kommt daher, dass einer unser Nachbarn ein Feuchtbiotop unterhält mit einer stattlichen Population dieser oft aufgeblasenen Amphibien; die wiederum uns unterhalten in den lauen Nächten des Frühsommers. Meine erste Schleinbacher Nacht, vor mehr als zehn Jahren, war eine solche lau(t)e. Klara und ich schliefen bei weit geöffneten Fenstern im "Stüberl", einem holzgetäfelten Verschlag im Hof, weil die Innenwände des von der Oma ererbten Häuschens nach Farbe stanken, und als ich irgendwann in der Nacht wach wurde, hörte ich sie quaken, die Frösche. Ich trat vor die Tür. Über mir, zwischen Fliederwipfeln und Nussbaumgeäst, glitzerte ein Meer von Sternen, namenlos fast alle, denn der bisherige Stadtbewohner hatte sie selten gesehen, und vom Bach herüber dröhnte der Froschgesang (dass die Lurche in Nachbars Teich wohnhaft sind, wusste ich damals noch nicht). Seither muss ich jedes Frühjahr, wenn sie wieder loslegen, an meine ersten Wochen in Schleinbach denken und an dieses beglückende Gefühl, in einer Idylle gelandet zu sein, wo die Frösche dir nächtens ein Ständchen bringen. Erst nach einer Weile erfuhr ich von der Frau, die dann bald meine Lieblingsnachbarin werden sollte, dass die langschenkligen Sangesbrüder nicht immer da gewesen waren, sondern erst seit wenigen Jahren, seit der Nachbar vom anderen Bachufer sein Feuchtbiotop angelegt hatte. Der Lieblingsnachbarin war der neumodische Froschgesang ein Greuel im Ohr, ein zum Himmel schreiendes Ärgernis, das ihre Nachtruhe störte. Nicht so für mich. Für mich gehörten die Frösche von Anfang an zu meinem neuen Wohnort. Und sollte ich eines Tages aus Schleinbach fortziehen - aus Schleinbach mit Emil, Ida, Nordpol -, dann werde ich sie gewiss vermissen, die nächtlichen Rufe nachbarlicher Unken.
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